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Dies und Das - Engagiert - 21. Januar 2021

“Wir müssen weiter hartnäckig bleiben”

Christian Homburg ist Technischer Produktdesigner bei thyssenkrupp. Seit vielen Jahren spielt er in seiner Freizeit Hockey, momentan in der Zweiten Bundesliga. Christian Homburg ist der Kapitän seiner Mannschaft, den Hurricanes aus Bochum. Er lebt in Warendorf im Münsterland. Als wir Christian Homburg kontaktieren, haben wir Glück: Wir finden einen Gesprächstermin direkt am Abend. Danach muss er weiter zu einem Radio-Interview. Christian Homburg ist in diesen Tagen ein gefragter Mann.

Durchs Raster gefallen

Durch die unheilbare Krankheit Muskeldystrophie Duchenne muss er 12 Stunden am Tag beatmet werden. Der fortschreitende Muskelschwund betrifft auch die Lunge und das Herz. Jedoch: Er hat bisher keine Chance, bevorzugt gegen das Corona-Virus geimpft zu werden. Er ist einer von vielen Menschen in Deutschland, die durchs Raster fallen, weil sie als Menschen mit Behinderung in keiner Pflegeeinrichtung leben. Christian Homburg organisiert sich seine 24-Stunden-Assistenz selbst. Companion2Go hatte die Chance, mit ihm über seine Situation zu sprechen und über die Petition, die er ins Leben gerufen hat. 

Companion2Go: Wie geht es dir in der momentanen Situation?

Christian Homburg: Man kann sagen, dass ich seit neun Monaten zuhause isoliert bin. Im August gab es hier auf dem Land eine kurze Zeit ohne Infektionen, in der ich mich mal mit Freunden mit ganz viel Abstand im Garten getroffen habe. Viele andere Betroffene haben das überhaupt nicht gemacht, weil eben immer ein Restrisiko bestand. Die Einschränkungen sind für mich schon deutlich größer als bei Menschen ohne Behinderung. Das zehrt natürlich an jedem, aber an Risikofällen wie mir besonders.

Companion2Go: Du hast eine Petition gestartet. Was möchtest du damit erreichen?

Christian Homburg: Pflegebedürftige Menschen können sich nicht vollständig isolieren, weil sie in der Pflege eben auf nahen Körperkontakt angewiesen sind. Wir wollen, dass keine Hochrisikofälle und keine pflegebedürftigen Menschen vergessen werden in der priorisierten Impfung. 

Wir fordern, dass alle Menschen die in einem ambulanten Pflegemodell leben, mit höchster Priorität geimpft werden. So wie das beispielsweise in Dänemark und Österreich schon praktiziert wird. Wir haben zusammen mit Experten den Vorschlag erarbeitet, dass die Priorisierung der Impfung auf Grundlage der Pflegegrade von Menschen mit Behinderung geschieht. Und das unabhängig davon, ob jemand in einer Einrichtung lebt oder zuhause.

Christian Homburg
Christian Homburg

Ich unterstelle keinem Absicht! (…) Aber wenn eben ein Fehler passiert ist, muss man diesen jetzt schnellstmöglich beheben.

Christian Homburg

Christian Homburg startet eine Petition

Companion2Go: Wie kam es zur Petition?

Christian Homburg: Es gibt etwa 650.000 Menschen, die einen Pflegegrad haben und unter 60 Jahre alt sind. Diese Menschen leben zu 95% zuhause und werden größtenteils nicht für eine bevorzugte Impfung berücksichtigt. Und das nur, weil sie eben nicht in einem Pflegeheim leben. Menschen in meiner Situation wurden schon von Anfang an in der Pandemie vergessen: Es gab keine Schutzausrüstung, kein Desinfektionsmittel, keine Schnelltests um präventiv zu testen. Jedes mal wenn man eine kleine Erkältung hatte, war und ist es ein riesen Theater, einen Test zu bekommen. Nicht nur für mich, sondern auch für die Menschen, die mich täglich pflegen. Weil sie eben in keiner Pflegeeinrichtung arbeiten. 

Nach der Impfverordnung habe ich gesagt: So kann es nicht weitergehen! Und habe am 4. Januar die Petition erstellt und einen ersten Brief an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, die ständige Impfkommission (Abk. Stiko) und die Kassenärztliche Bundesvereinigung geschrieben. 

Companion2Go: Wie wird argumentiert, dass nur Menschen in Pflegeeinrichtungen bei der Impfung bevorzugt werden sollen?

Christian Homburg: Die Stiko sagt, dass sie zu vielen dieser Menschen keine Datengrundlage habe, wie hoch das Sterberisiko bei einer Covid-19 – Erkrankung ist. Sie haben deshalb die Interessenverbände für Menschen mit Behinderung aufgefordert, eine Datengrundlage zu schaffen. Es ist ein kompletter Witz, dass die Experten hier ihre Aufgabe einfach weitergeben. Die Interessenverbände selbst haben momentan ganz andere Probleme: Nämlich die Betroffenen in der momentanen Lage zu unterstützen so gut es irgendwie geht. 

Ich verstehe schon: Menschen in Einrichtungen sind noch ein bisschen mehr gefährdet aufgrund der Mehrzahl an Bewohnern. Ich finde es völlig richtig, dass man in den Einrichtungen mit den Impfungen beginnt! Aber danach müssen auch alle anderen pflegebedürftigen Menschen folgen, natürlich je nach Schwere der Pflegebedürftigkeit. 

Companion2Go: Warum ist hier bisher nichts passiert?

Christian Homburg: Das ist eine gute Frage. Die Ständige Impfkommission hat  schon von Anfang an darauf hingewiesen, dass es sein kann, dass man nicht alle Menschen, die gefährdet sind, auch berücksichtigen kann. Nun haben sie aber nochmal nachgebessert, sodass es auch Einzelfallentscheidungen geben muss. Das war am 8. Januar. Seitdem wird diese Empfehlung nicht in die Impfverordnung aufgenommen!  Hier soll man, ausgestattet mit einem entsprechenden Attest, priorisiert geimpft werden können. Es fehlen aber noch sämtliche Regelungen zur Umsetzung in der Praxis und ein einheitlicher Prozess, dass jeder Mensch weiß, wie das ablaufen soll…

Dazu ist es weiterhin nur eine Empfehlung. Ich verstehe, dass es momentan zu Beginn der Impfungen noch etwas “ruckelt”, aber man könnte das doch wenigstens langsam mal in die Verordnung aufnehmen so als Zeichen: “Wir haben euch nicht vergessen!”. Hier schieben die Bundesländer und der Bund sich gegenseitig die Schuld zu. Wir hoffen jetzt, dass mit immer weiter steigendem Druck etwas passiert. 

Es macht fast den Eindruck, dass die meisten der handelnden Politiker denken, Menschen mit Behinderung würden ausschließlich in Einrichtungen leben. Das wäre ganz schön fatal! Aber anders kann ich mir das nicht erklären. Ich unterstelle keinem Absicht! Wir sind in einer der größten Krisen seit langer Zeit. Und die zuständigen Politiker geben alle ihr Bestes, da glaube ich fest dran. Aber wenn eben ein Fehler passiert ist, muss man diesen jetzt schnellstmöglich beheben. Dazu ist eine Demokratie da: Dass man zusammen in den Austausch kommt und das Problem löst. Bei meiner Erkrankung weiß man, dass jeder Infekt potenziell lebensgefährlich ist. Warum das Corona-Virus hier eine Ausnahme sein soll, ist mir ein Rätsel. 

Bereits über 50.000 Unterschriften

Christian Homburg hat mit seiner Petition bereits mehr als 50.000 Unterschriften gesammelt.
Hat bereits über 50.000 Unterschriften gesammelt: Christian Homburg.

Companion2Go: Gab es eine Reaktion aus der Politik auf deinen Brief und die Petition?

Christian Homburg: Nein, bis auf die Aussage der Ständigen Impfkommission, dass die Datengrundlage fehlt, ist seitdem nicht viel passiert. Wir müssen also weiterhin hartnäckig bleiben. Hierbei werden wir seit ein paar Tagen auch vom Behindertenbeauftragten der Bundesregierung unterstützt. 

Wir haben jetzt innerhalb von zwei Wochen über 50.000 Unterschriften gesammelt. Am Dienstag (19.01.2021, Anmerkung) haben wir einen weiteren Brief gemeinsam mit vielen Unterstützern, Organisationen und Institutionen, an 40 Politiker auf Bundesebene geschickt und auch an die zehn größten Medienhäuser deutschlands. Jetzt bin ich mal gespannt, was passiert. 

Companion2Go: Vielen Dank für das Gespräch.

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