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Allgemein - Dies und Das - On Tour - 9. April 2021

Unterwegs zuhause

Einen Urlaub planen, barrierefrei, auf dem Land, ohne Auto – geht das? Mit etwas Glück, ja. Und mit einer komplett barrierefreien Ferienwohnung, gefunden über das Portal “Reisen für Alle”, jetzt Partner von Companion2Go. Unser Gründer Zacharias war unterwegs nach Dierhagen, zwischen Ostsee und Saaler Bodden. Unterwegs zuhause – barrierefreier Urlaub. Ein ganz persönlicher Reisebericht.

Sonnenaufgang am Saaler Bodeen in Dierhagen.

Beschwerliche Vorbereitungen

Plötzlich guckt meine Freundin verdutzt zu mir rüber: „Du spülst ab? Seit wann das denn?“ Es ist der endgültige Beweis: Wir sind im Urlaub. Zuhause nämlich, in einer zwar barrierearmen, aber nicht komplett auf Rollstuhlfahrer ausgelegten Wohnung, haben wir folgende Aufgabenverteilung: Meine Freundin spült ab, ich trockne Geschirr ab und bringe den Müll raus. Der Grund: Meine Freundin ist zwar auch Rollstuhlfahrerin, kann jedoch im häuslichen Rahmen stehen und kurze Strecken gehen. Im Rollstuhl an das viel zu hohe, nicht unterfahrbare Spülbecken zu kommen – das nervt. Nun aber, hier im Ostseebad Dierhagen, zwischen Rostock und Stralsund, ist Urlaub: Unterfahrbare Arbeitsplatte und Spülbecken, Spülmaschine und Kühlschrank „auf Augenhöhe“, und das Beste: Höhenverstellbare Arbeitsplatte und Herd, sowie elektrisch verstellbare Oberschränke. Hier habe ich sogar Spaß dabei, zu spülen.

Doch der Reihe nach. Es ist Sommer 2020, die Corona-Zahlen sind erträglich und es wäre aus unserer Sicht vertretbar, zumindest innerhalb Deutschlands Urlaub zu machen. Das erste Halbjahr 2020 war gesundheitlich und beruflich kräftezehrend – wir sind beide urlaubsreif. Aber was tun? Ein Auto zu besitzen lohnt sich für uns schon lange nicht mehr, zu zentral gelegen ist die Wohnung und zu gut die Anbindung mit Bus und Bahn. Klar, ab und zu vermisst man es: Der Großeinkauf wäre einfacher mit Auto, genauso der Weg zum Training oder der Besuch bei den Eltern auf dem Land. Aber dafür ein Auto mit allen laufenden Kosten? Momentan nicht sinnvoll. Also was tun? Ein Städtetrip kann total schön sein, zumal viele tolle Städte mit dem Zug für uns gut erreichbar wären. Aber ist es das, was wir wollen? Erholung vom Stress der letzten Monate, das ist für uns etwas Anderes.

Vorfreude auf den Urlaub

Es soll aufs Land gehen. Ans Wasser, am liebsten ans Meer. Mit dem Auto wäre das am einfachsten. Also heißt es “Leihauto suchen”. Rollstuhlgerecht, mit Handgas. Nach einiger Recherche jedoch wird klar: Das ist für uns finanziell nicht machbar. Hundertvierzig Euro netto sind keine Ausnahme. Und das bei einer Mindest-Leihzeit von 5 Tagen. Abholung auf dem Land. Keine echte Option also. Doch dann: Durch Zufall findet meine Freundin die Seite „Reisen für Alle“, auf der barrierefreie Unterkünfte und Ausflugsziele gelistet sind, nach Regionen sortiert. Schnell fällt ihr eine Ferienwohnung ins Auge, an der Ostsee, zwischen Rostock und Stralsund. Das beste daran: Es gibt eine durchgängige Zugverbindung von Marburg aus, ins nahe gelegene Ribnitz-Dammgarten West, von wo aus wir in 20 Minuten mit dem Bus in Dierhagen sind. Gefunden, gebucht. Ende September soll es losgehen. Sechs Wochen Vorfreude.

Angekommen: Der Hafen in Dierhagen am Saaler Bodden.


Frühmorgens geht es los zum Bahnhof, nachdem zuhause alles „urlaubsfest“ versorgt ist; die eine Pflanze kommt wohl eine Woche ohne uns aus und der Basilikum ist eh schon fast vertrocknet. Der Weg zum Bahnhof ist noch stressig, dann wird es ruhig. Mit dem Mobilitätsservice gelangen wir in den Zug. Kurz zur Erklärung: der Mobilitätsservice ist ein Angebot der Bahn, mit dem Menschen mit Mobilitätseinschränkungen Unterstützung beim Ein-, Um- und Ausstieg erhalten. Nachdem wir unsere beiden Rollstühle im engen ICE verstaut haben, kann der Urlaub starten. Nun geht es gute sechs Stunden in Richtung Nordosten der Republik. Wir lehnen uns entspannt zurück: Wir müssen keinen Anschluss mehr erreichen. Der Urlaub beginnt.

Unterwegs zuhause – angekommen

Nach gut sechsstündiger Fahrt erreichen wir unseren Zielbahnhof Ribnitz-Dammgarten West, von wo aus wir entspannt unseren Bus nach Dierhagen erreichen. Jetzt sind es nur noch wenige Meter zur Wohnung. Dort angekommen, sind wir neben der barrierefreien Ausstattung begeistert von der Lage: Nur wenige Meter entfernt befinden sich Einkaufsmöglichkeiten für den täglichen Bedarf, eine kleine Dorfbäckerei ist wenige Meter in Richtung Hafen entfernt, wie wir am Abend feststellen. Wir genießen die letzten Sonnenminuten am Saaler Bodden.

Für unseren ersten vollen Tag in Dierhagen nehmen wir uns vor, an den Ostseestrand zu fahren. Das ist es, was die Landschaft hier so faszinierend macht: Innerhalb von weniger als zwei Kilometern erreicht man hier die Seenlandschaft des Boddens und gleichzeitig auf der anderen Seite der Halbinsel die Ostsee mit feinstem Sandstrand. Mit dem Rollstuhl ist es etwa eine Viertelstunde zum Strand. Mit vereinten Kräften und der Unterstützung hilfsbereiter Urlauber schaffen wir es bis ans Wasser. Leider gibt es keinen befestigten Steg, sondern nur den Weg durch den Sand. Für mich ist es das erste Mal seit vier Jahren, dass ich Urlaub am Meer mache. Allein dieser Augenblick entschädigt für die vergangenen Monate.

Ostseestrand in Dierhagen: Weg durch den Sand.

Sportlicher Ausflug nach Wustrow


Tag zwei wird sportlich: mit dem Rollstuhl wollen wir den Dünenradweg entlang von Dierhagen Strand in das knapp neun Kilometer entfernte Ostseebad Wustrow. Hier wuchs der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck auf. Auf dem flachen Dünenweg kommen wir schnell voran. Leider gibt es selten freien Blick auf die Ostsee. Auch der Zugang zum Strand ist, wie am vorigen Tag in Dierhagen, im Rollstuhl beschwerlich. Das bemerken wir besonders, als wir Ausschau halten nach einem geeigneten Platz für unsere Mittagspause.

Als der Hunger zu groß wird, nehmen wir einen einigermaßen geeigneten Strandaufgang und meistern den Aufstieg durch den Sand auf die Düne mithilfe freundlicher Passanten. Der Ausblick aufs Meer ist gigantisch. Als wir uns schließlich Wustrow nähern bietet uns sogar ein gleichzeitiger Blick auf die Ostsee zur linken und den Saaler Bodden zur rechten Seite. Eine beeindruckende Landschaft. Zurück in der Ferienwohnung, bereiten wir ein kleines Menü zu. Hier zu kochen ist ein Traum. Wir sind richtig angekommen im Urlaub. Und doch fühlen wir uns unterwegs wie Zuhause.

Dünen-Radweg nach Wustrow: Sportlicher Ausflug.


Am dritten Tag lassen wir es ruhig angehen. Wobei: für mich klingelt der Wecker früh. Ich möchte den Sonnenaufgang fotografieren, am Hafen am Saaler Bodden. Der Weg zum Hafen ist, wie eigentlich überall hier in der Region, nicht nur im Rollstuhl ein Traum: Keine einzige Steigung, die Wege gut ausgebaut. Keine fünf Minuten unterwegs, erreiche ich pünktlich um kurz vor 7 Uhr den Hafen. Rechtzeitig, um den Augenblick einzufangen, als der feuerrote Ball emporsteigt. Die Stimmung ist wunderschön. Ein paar wenige Touristen hatten dieselbe Idee. Auf dem Weg zurück zur Ferienwohnung kehre ich noch in der Dorfbäckerei auf einen Kaffee ein. Dazu gibt es russischen Zupfkuchen. Bis zum späten Nachmittag genießen wir die Ruhe in unserer Ferienwohnung und auf der Terasse.

Dorschfilet, Würzfleisch und Käse

Für nachmittags melden wir uns für eine Schiffsrundfahrt auf dem Saaler Bodden an. Das Schiff sei nicht barrierefrei, heißt es. Wir lassen uns nicht davon abbringen und versuchen es einfach. Und siehe da: Es ist kein Problem, der Kapitän packt mit an, und so sind wir schneller auf dem Deck als wir gucken können. Wir legen ab und fahren über den Hafen Wustrow nach Ribnitz. Es ist deutlich kälter als die Tage zuvor. In Ribnitz angekommen, müssen wir uns beeilen um vom Hafen rechtzeitig zum Bahnhof zu kommen: Es ist der letzte Bus an diesem Abend zurück in „unser“ Dorf.

Apropos Bus: Das klappt hier auf der Halbinsel wirklich gut, die meisten Busfahrer und Busfahrerinnen steigen sogar aus, um uns die Rampe auszuklappen. Leider ist diesmal der Bus ausnahmsweise kein Niederflurbus, jedoch findet sich neben dem Busfahrer schnell ein anderer Fahrgast, der uns die Stufen hoch hilft. Den Abend lassen wir ausklingen in einem urigen Fischrestaurant bei uns im Dorf. Es gibt Dorschfilet, traditionell mit Würzfleisch und Käse überbacken, dazu Bratkartoffeln.

Stadt Ribnitz mit Marienkirche.


Unser vorletzter Urlaubstag ist leider wie angekündigt: Kalt und verregnet. Wir nutzen ihn, um uns die Bernsteinstadt Ribnitz mit seinem Klarissenkloster näher anzuschauen. Später besuchen wir noch die Bernsteinmanufaktur. Am Abend wollen wir den Sonnenuntergang an der Ostsee genießen.

Wir packen uns eine Flasche Wein ein und rollen zum Bus. Diesmal stellt sich die Fahrt trotz Niederflurbus etwas kompliziert dar: Der Busfahrer weigert sich aus Sicherheitsgründen, zwei Rollstuhlfahrer auf einmal mitzunehmen. Aber wie soll dann ein Paar im Rollstuhl zusammen etwas unternehmen können? Der nächste Bus fährt erst in einer Stunde, dann ist die Sonne schon weg. Die Antwort des Busfahrers: Er wisse es nicht, sagt er. Aber wenn etwas passiere sei er schuld. Nach einigen Diskussionen nimmt er uns schließlich doch mit, auf eigene Verantwortung. Der Stress, er hat sich gelohnt. Bei stürmischem Wellengang erleben wir einen beeindruckenden Sonnenuntergang bei Wein und Brotzeit.

Der Abschied fällt schwer

An unserem letzten Tag in Dierhagen erwartet uns “typisches Schietwetter“, sodass wir bis mittags zuhause bleiben. Nachmittags wollen wir noch dem Meer „Tschüß“ sagen. Dies gestaltet sich jedoch als so nass-kalt, dass wir uns nach wenigen Minuten am Strand in Souvenir-Läden und schließlich in ein Cafe´ verkrümeln. Am nächsten Morgen heißt es leider schon wieder Koffer packen. Wir müssen gleich los zum Bus. Es ist Sonntag, wir sind darauf angewiesen den ersten Bus des Tages zu erwischen. Es wird alles reibungslos funktionieren, der Bus ist barrierefrei und der Busfahrer nimmt uns ohne Murren mit. Einzig der Mobilitätsservice der Bahn schafft es nicht rechtzeitig zum Bahnhof; er steht im Stau. Wehmütig verlassen wir die Wohnung. Wir werden vieles vermissen: Die wunderschöne Natur, die flachen Wege, das gute Essen – und ich persönlich ganz besonders die perfekt eingerichtete Küche. Wir haben uns zuhause gefühlt – unterwegs zuhause.

Abschied von der Ostsee: Sonnenuntergang bei stürmischer See.

Barrierefreie Unterkünfte finden: https://companion2go.de/reisen-fuer-alle/

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Deutsche Bahn Mobilitätsservice: https://www.bahn.de/p/view/service/barrierefrei/uebersicht.shtml

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