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Allgemein - Engagiert - Sportlich - Unternehmerisch - 6. Februar 2021

“Ich habe auf mein Herz gehört” (Teil 2)

In Teil 2 des Portraits spricht David Lebuser über Rollstuhlskaten und die Verwirklichung seines Traums: “Ich habe auf mein Herz gehört”.

Teil 1: https://companion2go.de/eine-frage-der-perspektive/

David Lebuser fing also an, sich immer mehr mit der internationalen Rollstuhlskate-Szene zu vernetzen. Tauschte sich online mit Rollstuhl-Skatern aus, in den USA, Brasilien und sonst wo. In Deutschland gab es eine solche Szene nicht. Noch nicht. Zwei Jahre nach seinem Unfall fing David Lebuser an, seine ersten eigenen Videos als Rollstuhlskater zu produzieren. Parallel spielte er noch Rollstuhlbasketball, war auch hier zunächst sehr ambitioniert, wie er selbst sagt. Jedoch: Dabei zu sein, wie ein so junger Sport sich entwickelt und eine Community entsteht, das hatte von Anfang an den größeren Reiz. 

Portrait David Lebuser

Prinzip “Try and Error”

“Zu Beginn war ich allein mit “meinen Jungs” im Skatepark. Aber es gab die internationale Szene, die sich ausgetauscht hat, online, Facebook, Youtube” erzählt er. Einen Trainer oder Ähnliches gab es nicht. Es ging eher nach dem Prinzip “Try and Error”: “Das war nicht so: “Hier zeige ich euch wie es geht”. Sondern so: “Hey schaut mal, das habe ich gerade ausprobiert.” Und dann hat man es versucht nachzuahmen” erzählt David Lebuser von den ersten Versuchen einer sehr jungen Szene hauptsächlich in den USA, später auch vermehrt in Brasilien. Das Problem: “Da hat man natürlich immer nur den gelungenen Versuch gesehen und nicht die 20 misslungenen Versuche zuvor, deshalb war es schwierig, sich abzuschauen, wie man sich den jeweiligen Trick beibringt” so David Lebuser.

Reise nach Los Angeles

Die erschwerten Startbedingungen waren jedoch nie ein Hindernis. “Das ist schon nochmal was anderes als gemeinsames Üben. Aber das war eben damals der Weg, weil es keine andere Möglichkeit gab. Es hat auch funktioniert” sagt er. Das Schöne in dieser Zeit: “Die Community ist damals entstanden und gewachsen. Und mit jedem neuen Mitglied kamen neue Ideen und Ansätze dazu. Der Kreativität waren keine Grenzen gesetzt. Das war spannend”. Selbst der US-Amerikaner Aaron Fortheringham, bis heute der wohl beste Rollstuhlskater der Welt, konnte so immer wieder mal etwas von einem Neueinsteiger lernen, der neue Ideen einbrachte, erzählt David Lebuser. “Diese große Vielfalt an Styles kommt auch aufgrund der unterschiedlichen Behinderungen und Richtungen wie BMX oder Skateboard” sagt David Lebuser. “Und für Neueinsteiger ist es vielleicht auch einfacher, wenn man nicht gleich Aaron als Vorbild hat”. 

Im Jahr 2011 beobachtete David Lebuser das erste Mal einen internationalen Rollstuhlskate-Wettbewerb aus der Ferne. “Ich habe zu einem Kumpel gesagt: Ich will da unbedingt hin, aber ich trau mich nicht” erinnert sich David Lebuser an den Wettkampf in den USA, den er von Zuhause aus beobachtete. Das viele Reisen, und dann auch noch mit dem Flugzeug zu fliegen, das kannte er im Rollstuhl noch nicht. “Und dann noch in ein fremdes Land. Oh Gott oh Gott”. Trotz aller körperlichen Fitness, der guten Beherrschung seines Rollstuhls: Die Situation war für ihn neu. “Mein Kumpel hat nur zu mir gesagt: “Hey ich will auch nach Los Angeles, wir machen das einfach.”” Also hieß es: Reise planen, um im nächsten Jahr am ersten internationalen Wettkampf selbst teilzunehmen.

Der Weg in die Weltspitze

“Wir haben unsere Koffer gepackt und sind 2012 da hingeflogen. Erst diese Erfahrung mit den vielen Rollstuhlfahrern im Skatepark in Los Angeles, mit denen ich mich zuvor schon übers Internet vernetzt und ausgetauscht habe, hat meine Denkweise so verändert, dass ich dachte: Ich will, dass in Deutschland auch eine Szene entsteht. Und ich will, dass sich andere Menschen auch für diesen Sport begeistern können. Ich will nicht mehr der Einzige sein” sagt David Lebuser.

“Dann war ich bei dem Contest auch noch relativ erfolgreich” (3.Platz unter den Rollstuhlskatern, insgesamt 5.Platz inklusive sogenannter Adaptive Skater, wenn man also beispielsweise beinamputierte Skater mitzählt, Anmerkung Companion2Go). Ergebnis: Die ersten 500 Dollar Preisgeld seiner Skater-Karriere. Und: David Lebuser hört endgültig mit dem Rollstuhlbasketball auf. “Ab dann war Skaten mein Sport”. Mit dem Kumpel, der ihn ermutigt hat in die USA zu fliegen, hat er bis heute Kontakt. Mittlerweile ist David Lebuser mehrfacher Deutscher Meister und sogar Weltmeister. 

Die Erlebnisse in den Vereinigten Staaten haben bis heute bleibenden Eindruck hinterlassen.  “Das war Wahnsinn. Ich bin nachhause gekommen mit einem fetten Styropor-Scheck, das war total cool!” erzählt David Lebuser von seinem ersten Erlebnis auf internationalem Parkett. Selbst das Grenzpersonal am Flughafen gratulierte. “Das Einchecken am Flughafen ging erstmal nicht, weil das Ding zu groß war” sagt er und lacht. “Das Erlebnis hat mich sehr gepusht, das weiter zu treiben und nicht mehr so nebenher. Ich bin so euphorisiert aus den USA nachhause gekommen, dass ich direkt los wollte um anderen Menschen Rollstuhlskaten beizubringen.”

Vorurteile überwinden

Doch bis es dazu kam mussten noch etliche Hürden aus dem Weg geräumt werden. “Die Skateparks, bei denen ich angefragt habe, haben sich gesträubt” erzählt David Lebuser. Das sei viel zu gefährlich mit dem Rollstuhl, hierfür gebe es keine Versicherung, so die Begründung. “Die hatten alle keinen Arsch in der Hose” drückt es David Lebuser drastisch aus. “Da war ich ein bisschen frustriert und wusste nicht, wie ich weitermachen soll”.

Damals kam er nicht auf die Idee, beispielsweise mit einem Sportverband zu kooperieren. “Ich dachte, das passt nicht” gibt er ehrlich zu. Er war jedoch bereits einmal auf dem Titelblatt der Zeitschrift des Deutschen Rollstuhl Sportverbandes (DRS, Abk.) abgebildet.  “Dann kam irgendwann Malte vom DRS auf mich zu und meinte nur:  “Hey, du bist doch der vom Cover”. Und so kam es zur Kooperation” erzählt David Lebuser. Gleichzeitig kam ein zweiter Kooperationspartner aus Hamburg, Ute e.V. auf ihn zu. Und so startete man im Jahr 2013 gemeinsam den ersten Workshop zum Thema Rollstuhlskaten. Das wurde so gut angenommen, dass daraus im ersten Jahr bereits drei oder vier Workshops wurden, wie er erzählt. “

David Lebuser beim Skaten
“Das ist ein riesen Ding. Da wollen wir weitermachen”: David Lebuser.

Im Jahr 2014 bereits, bei einem Skate-Workshop, lernte er seine mittlerweile langjährige Freundin Lisa kennen.  Er gründete mit ihr zusammen eine GbR als Gemeinschaftsprojekt. “Zu Beginn meiner selbständigen Tätigkeit im Bereich des Rollstuhlskatings war ich einfach ein freiberuflicher Coach” erzählt David Lebuser. “Aus David wurde Lisa und David und daraus wurde sit’n’skate” fasst er zusammen. “Wir wollen den Sport auf einer breiten Basis fördern und eine Szene in Deutschland etablieren.” Sie haben nicht die Ambition, aus dem Rollstuhlskaten einen Leistungssport zu machen. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Mission, “Stereotypen und Vorurteile zu überwinden, indem wir coole Videos produzieren.  Dass die Menschen nicht dasselbe über Rollstuhlfahrer denken wie ich vor meinem Unfall” sagt David Lebuser mit einem Lachen. 

Die Szene wächst stetig

Natürlich ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein um eine Wirkung in der Gesamtbevölkerung zu erzielen, dem ist sich David Lebuser bewusst.  “Aber wenn man sich mal die letzten zehn Jahre ansieht, was in der Skateszene passiert ist, dann haben wir einiges bewegt: Wir haben Vorurteile überwunden. Und der Schritt  von Skatehallen, die uns gar nicht reingelassen haben hin zu Skatehallen, die uns fragen, wie sie ihre Anlage barrierefrei bauen können – das ist ein riesen Ding. Da wollen wir weitermachen”. 

“Es muss nicht jeder Weltmeister werden!”

David Lebuser

Natürlich ist die Szene im Vergleich zu anderen Sportarten sehr klein. Etwa 50 aktive Rollstuhlskater und -skaterinnen gibt es mittlerweile in Deutschland. Die Aktiven treffen sich in Hamburg, Berlin, München, Dortmund oder Köln. Auch international verteilt sich die Community auf einige Zentren. Trotzdem ist die gesellschaftliche Wirkung, welche die von David Lebuser ins Leben gerufene Szene mittlerweile entfaltet, enorm: Neben Kommunen, die um Rat fragen, was die Rollstuhltauglichkeit ihres Skateparks angeht, kommen oft auch Betreiber von Skatehallen auf ihn zu und wollen Rollstuhlskate-Kurse anbieten, manche tun dies schon. “Da ist einfach sauviel passiert” sagt David Lebuser.

In vielen größeren Städten finden mittlerweile regelmäßige Veranstaltungen statt, mittlerweile von unterschiedlichen Organisatoren. “Hier entwickelt sich eine Szene” ist David Lebuser auch etwas stolz auf das, was er von Anfang an begleiten durfte.

“Wir haben in den Kursen eine sehr große Bandbreite an unterschiedlichen Behinderungen und Leistungsniveaus. Da muss man echt aufpassen, dass die Kids nicht frustriert sind, sondern auf sich schauen” sieht David Lebuser Parallelen zu seiner Tätigkeit und Mission als Motivator für frisch verunfallte Menschen. Diese Arbeit verfolgt er sowohl in seiner Selbständigkeit als auch im Rahmen der Betroffenen-Beratung der Fördergemeinschaft für Querschnittgelähmte. “Das ist ja kein Leistungssport, es muss nicht jeder Weltmeister werden! Wir wollen Spaß zusammen haben, darauf versuche ich es immer wieder runter zu brechen” sagt er. 

Voller Fokus auf die Selbständigkeit

In den vergangenen Jahren war David Lebuser als Reha-Fachberater in Teilzeit bei einem Hamburger Sanitätshaus angestellt. Dort hat er speziell für Kinder und Jugendliche Rollstühle angepasst. Im Frühjahr ist damit Schluss. “Wir wollen jetzt den Fokus voll auf “sit’n’skate” legen. Auch wenn ich damit finanziell erstmal einen Rückschritt mache und ins Risiko gehe, ist mir das einfach eine Herzensangelegenheit” so David Lebuser. Ziel ist es, mit Rollstuhlskate-Projekten unterschiedlicher Art eine volle Stelle für sich und seine Freundin Lisa zu schaffen. Sit’n’skate ist nun gemeinnützig, organisiert als Projekt der SUPR SPORTS gUG, eines gemeinnützigen Unternehmens, das sich die Förderung von Sportprojekten auf die Fahne geschrieben hat, welche einen gesellschaftlichen Mehrwert bieten. “Wir haben uns gesucht und gefunden und fühlen uns sehr wohl in dieser Konstellation”, sagt David Lebuser. 

“Da habe ich jetzt auf mein Herz gehört. “

David Lebuser

Für das laufende Jahr haben sich die Zwei von sit’n’skate viel vorgenommen. Insgesamt sind über 40 Veranstaltungen geplant, wenn die Corona-Pandemie es irgendwie zulässt. Auch wenn David Lebuser auf das laufende Jahr mit einer gewissen Skepsis vorausblickt, verdeutlicht dies doch, welche Entwicklung der Skatesport für Rollstuhlfahrer und Rollstuhlfahrerinnen genommen hat. Vorerst konzentriert sich David Lebuser mit seiner Freundin zusammen auf die Produktion von Skate-Videos. So soll es beispielsweise Tutorials geben, mit welchen man seine Alltagsfertigkeiten im Rollstuhl verbessern kann, oder Anleitungen zum Einstieg ins Rollstuhlskaten. 

Viele weitere Ideen

David Lebuser und seine Freundin Lisa sind momentan auf der Suche nach Sponsoren und Partnern, die mit ihnen gemeinsam das Thema Inklusion voranbringen wollen. Was ihm sein Projekt bedeutet, wird schnell klar, wenn David Lebuser sagt. “An irgendeiner Stelle musste ich sagen: Entweder ich mache zwei Sachen so halb, oder ich mache eine Sache richtig. Ob das klappt werden wir sehen. Aber: Da habe ich jetzt auf mein Herz gehört. Ich gebe meinen sicheren Job erstmal auf, um weiter an meinem Lebenswerk zu schrauben”.

Ab März wird David Lebuser also Vollzeit seine eigenen Ideen und seinen Traum verwirklichen. “Ich kenne so viele aus meinem Freundeskreis mit eher unkonventionellen Arbeitsmodellen, von daher: Da muss jeder, glaube ich, einfach seinen Weg finden” blickt er voraus auf eine sicherlich aufregende Zeit. David Lebuser hat mit sit’n’skate noch viel vor. Die Ideen drehen sich alle rund um Skaten, Überwinden von Vorurteilen und Stereotypen und der Befähigung von Menschen mit Behinderung, ihr Leben selbständig in die Hand zu nehmen. “Ich fände es nicht spannend, jetzt 20 Jahre nur Skate-Workshops zu geben. Wir haben viele weitere Ideen. Und die haben nicht immer nur etwas mit Skaten zu tun.”

Teil 1: Eine Frage der Perspektive: https://companion2go.de/eine-frage-der-perspektive/

https://www.sitnskate.de/

Wer ist online

Im Moment ist niemand online.