logo

Companion2Go

Laden...

Companion2Go

Registrieren

Engagiert - Sportlich - Unternehmerisch - 31. Januar 2021

Eine Frage der Perspektive (Teil 1)

David Lebuser ist so etwas, was man gemeinhin einen Pionier nennt. Er war der erste professionelle Rollstuhl-Skater in Deutschland. Das ist er bis heute – aber mittlerweile nicht mehr der Einzige. “Ich würde niemals von mir behaupten, dass ich der erste Rollstuhlskater Deutschlands war, das weiß ich natürlich nicht. Aber ich war zumindest der Erste der das in Deutschland wettkampfmäßig gemacht hat und Videos produziert hat”, erzählt der heute 34-Jährige von den Anfängen. Mittlerweile gibt er seine Erfahrungen auch als Coach weiter. Wie er nach seinem Unfall mehr Zielstrebigkeit erlangt hat als zuvor? Alles eine Frage der Perspektive. Doch dazu später mehr. 

“Bis zu meinem Unfall wusste ich nichts über Rollstuhlfahren.”

David Lebuser

Unterstützendes Umfeld als Anker

In seiner Kindheit war der aus Frankfurt (Oder) stammende David Lebuser Radsportler, er besuchte eine Sportschule. Sein Ziel: Profisportler. “Ich war ein recht großes Talent” erzählt er. Bis er als Neuntklässler aufhörte und mit Skateboarden begann. “Da war ich aber ehrlich gesagt damals ziemlich schlecht” sagt er. Und lacht. Hier ging es ihm nicht um Wettkampf und Leistungssport, sondern um Spaß und Freundschaft. Und genau das wird ihm später in seinem Leben zugutekommen. 

Im Jahr 2008, auf der Geburtstagsparty eines Freundes im Proberaum der gemeinsamen Musikband, stürzt er zwei Stockwerke hinunter. Fortan ist er querschnittgelähmt. Ein Schock. Und von jetzt auf gleich ein anderes Leben, auf das es sich einzustellen galt. “Bis zu meinem Unfall wusste ich nichts über Rollstuhlfahren, geschweige denn welche Möglichkeiten es gibt, als Rollstuhlfahrer aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben oder gar Sport zu treiben” erzählt David Lebuser. Bis daran zu denken war, verging noch viel Zeit. Zeit, in der David Lebuser sich aber der Unterstützung seines Umfelds gewiss sein konnte.

“Meine Freunde waren damals ein wichtiger Anker. Sie haben in Absprache mit meiner Familie sogar Besuchspläne erstellt, damit ich mit meinen Depressionen nicht alleine war im Krankenhaus. Das war extrem hilfreich. Mit vielen habe ich immer noch Kontakt, áuch wenn diverse Wohnortwechsel das natürlich mittlerweile erschweren” sagt er. 

Portrait David Lebuser
David Lebuser: Der Weg war vorgezeichnet.

Immer größere Hindernisse

Nach der Zeit im Krankenhaus ging es weiter in eine Rehaklinik für Kinder und Jugendliche in Brandenburg. “Die Kids haben mir vorgelebt, was alles möglich ist. Das war für mich das Zeichen “Bäääm, da geht was!”” Menschen mit Behinderung hatten in David Lebusers bisheriger Welt keine Rolle gespielt. “Paralympics waren in meiner von Vorurteilen geprägten Welt damals, böse gesagt, Sportarten, in denen ein paar sabbernde Menschen übers Spielfeld kullern. Mehr konnte ich mir darunter nicht vorstellen. Deswegen war das für mich ein ziemlich positiver Schock, nach dem negativen Schock, dass ich querschnittgelähmt bin” nimmt David Lebuser kein Blatt vor den Mund, was seine damalige Denkweise betrifft.

Als er nach seinem Unfall langsam immer mobiler wurde, immer mehr im Rollstuhl konnte, war relativ schnell klar: “Alles was ich dachte zu wissen, ist Quatsch. Der Rollstuhl war ab diesem Zeitpunkt mein Freund: Er hat mich aus dem Bett befreit und hat mir wieder Bewegungsfreiheit geschenkt. Es ging eben doch deutlich mehr als ich dachte”.  Ihn packte schnell der Ehrgeiz, Neues auszuprobieren, seine Grenzen auszutesten, “Ich habe meine ersten Wheelies (auf den Hinterrädern gekippt fahren, Anmerkung Companion2Go) gemacht, habe jedes Rollstuhltraining in der Reha-Klinik genutzt. Es hat mir total viel Freude bereitet “dieses Teil” auszuprobieren und immer mehr zu lernen”.

Traum vom Rollstuhl-Skater

Bereits in der Reha fing David Lebuser an, “so ein bisschen “Pille-Palle”-Basketball zu spielen. Ich war sehr schnell relativ fit im Rollstuhl”. Schließlich zeigte ihm ein Kumpel ein Video von Aaron Fortheringham, dem damals weltbesten Rollstuhl-Skater aus den USA, der sogar einen Rückwärtssalto im Rollstuhl schafft. “Ich dachte mir nur so “Wow, das ist es!”. Ich war beeindruckt und habe gemerkt, dass es hier keine Grenze nach oben gibt”. An dieser Stelle nun zahlte sich seine mehr oder weniger erfolgreiche Karriere als (Fußgänger-) Skater vor seinem Unfall aus. “So hatte ich nach dem Unfall direkt eine Beziehung zu Freunden aus der Skateszene. Das hat den Einstieg später sicher erleichtert” sagt David Lebuser. “Ich wusste damals natürlich noch nicht, dass ich mal im Rollstuhl skaten würde. Ich wusste vielmehr gar nicht, dass das möglich ist.” Der Weg zurück in den Skatesport war in gewisser Weise vorgezeichnet. 

Bald konnte ihm die Rehaklinik und das Rollstuhltraining dort nicht mehr viel beibringen. David Lebuser wurde langweilig. Er suchte neue Herausforderungen. Probierte sich aus. “Jedes Mal, wenn mir jemand gesagt hat: “oh hier und da können wir nicht hin, das ist nicht barrierefrei” war das für mich eine Challenge und ich habe gesagt “Na dann schauen wir mal”. Und so entwickelte er seine Fahrtechniken immer weiter. Überwand immer neue Hindernisse.

Die ersten Versuche

In der Nähe der Rehaklinik in Brandenburg gab es einen kleinen Skatepark. “Einen ziemlich bescheidenen kleinen Skatepark, genauer gesagt” konkretisiert David Lebuser. Aber immerhin. “Wir sind da immer dran vorbei, auf dem Weg zu Mc Donalds, weil wir keine Lust auf das Essen in der Klinik hatten. Ich habe immer nur ganz neidisch geguckt und mir vorgestellt was man da im Skatepark alles machen könnte” erinnert sich David Lebuser an die Zeit in der Reha zurück.  “Aber ich habe mich lange nicht getraut. Erst, als ich mit der Physiotherapie soweit war, dass ich meinen Arsch selbständig vom Boden wieder in den Rollstuhl bekommen habe, erst dann habe ich mir gesagt: “So, jetzt ab in den Skatepark.” Bis ich soweit war, das hat aber ganz schön lange gedauert.”

Eines Tages war es dann soweit: Ganz heimlich, ohne jemandem Bescheid zu geben, rollte David Lebuser von der Rehaklinik in Richtung Skatepark. “Ich bin einfach da hin. Ohne Helm und ohne zu wissen was ich da tue. Ich dachte mir nur: Jetzt wo ich wieder selbst in den Rollstuhl komme, kann ich es ja mal probieren.” Ein kurzer Blick: Links, rechts, alles frei? “Und dann bin ich auf die erste Rampe zugefahren, wo ich mich erstmal auf die Fresse gelegt habe”. Er lacht laut. Um ihn herum: Skateboarder und BMX-Fahrer. Entsetzen. “Alter bist du bescheuert? Wilst du dich umbringen?” haben die gerufen. “Für mich war es einfach nur Hammer. Ich hab den Boden gesehen und dachte mir nur: Was für ein geiles Gefühl!” Man merkt David Lebuser noch heute an, was dieser Moment in ihm ausgelöst haben muss. Kurz die “Zuschauer” beruhigt, wieder in den Rollstuhl geklettert, und weiter gings. 

“Es war so ein gutes Gefühl, das zu schaffen! Damit war ich angefixt!”. Trotzdem habe es lange gedauert, bis er das Skaten wirklich als Sport gesehen hat, sagt er. “Das war für mich eine Spielwiese um mich auszuprobieren. Und so konnte ich bald Bordsteinkanten hoch und runter, Treppen runter, Treppen hoch”, berichtet David Lebuser von seinen ersten Erfolgen im Rollstuhl. 

“Du konntest mir alles geben: Ich hab es gemacht.”

David Lebuser

Man hätte erwarten können, dass ihm seine sportliche Karriere vor dem Unfall geholfen hat, schneller wieder fit zu werden. David Lebuser sieht das zweigeteilt. “Ich hatte natürlich ein bisschen das Wissen, wie ich mir selbst etwas beibringen kann. Und ich hatte meine Freunde aus dem Skatepark, die mich danach wieder mitgenommen und inspiriert haben” sagt er.  Direkt vor dem Unfall war David Lebuser aber “von der Einstellung her kein Sportler”, wie er selbst sagt. “Das war eine Zeit, in der ich nicht so wirklich eine Perspektive hatte für mich. Meine Freizeit bestand viel daraus, mit Kumpels abzuhängen, zu feiern, Bierchen zu trinken und auf Instrumenten rumzuhauen, die ich nicht beherrscht habe” blickt der nach eigener Aussage “ziemlich schlechte Bassist” auf eine wilde Zeit zurück.

“Der Rollstuhl hat die Neugier in mir geweckt und er hat mir meine Zielstrebigkeit zurückgegeben, die ich vor dem Unfall etwas verloren hatte. Es war ziemlich krass, dass ich nach dem Unfall plötzlich so übermäßig motiviert war. Du konntest mir alles geben: ich hab’ es gemacht”. Seinen Bass hat er seither nur noch “ein paar Mal gestreichelt. Aber ich habe ihn dann doch in den Keller gebracht”, sagt David Lebuser. 

Ein Perspektivwechsel

Sein Wissen und seine Erfahrungen aus der Zeit nach dem Unfall nutzt David Lebuser heute, um Menschen zu beraten und zu schulen. Um Menschen nach einem Unfall Mut zu machen, zu motivieren. Aber auch um Kindern und Jugendlichen in seinen Skate-Kursen eine neue Perspektive aufzuzeigen und Selbständigkeit beizubringen. “Ich lag ja ganz schön lange im Bett und alles war deprimierend, kacke und frustrierend. Ich brauchte für alles Hilfe. Wenn man an diesem Punkt war, ist danach alles wieder ein Erfolgserlebnis. Auf dieser Erkenntnis baue ich heute meine Workshops auf; das ist doch pure Motivation!” erklärt David Lebuser ein zentrales Prinzip seiner Arbeit. “Es ist immer die Frage, womit man sich vergleicht”. Daraus folgt, ob einen Vergleiche frustrieren oder motivieren. Eine Frage der Perspektive eben. “Es ist so wichtig, Menschen aus diesem “Frust-Loch” zu holen. Ansonsten bringt die Querschnittlähmung echt blöde psychische Folgen mit sich”. 

Teil 2: David Lebuser berichtet von den Anfängen der Rollstuhlskate-Szene, von seinem Weg in die Weltspitze sowie von seinen Zielen als Gründer:

https://companion2go.de/ich-habe-auf-mein-herz-gehoert/

David Lebuser, Sit’n’skate: https://www.sitnskate.de/

Wer ist online

Profilbild von Zacharias Wittmann