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Sportlich - 10. Dezember 2020

Das zweite Leben

Über die Kanutour zusammen mit dem Startup Berg über Kopf hatte ich hier im Blog im letzten Beitrag berichtet. Berg über Kopf bietet „Inklusion auf Expedition“ – also Expeditionen für Menschen mit und ohne Behinderung – und verbindet diese mit einem inklusiven Coaching-Ansatz für Firmen und Organisationen. Hinter dem Konzept steckt eine Geschichte. Es ist die Geschichte des Gründers Tim Herwig. Ich hatte die Möglichkeit, mit ihm über seinen Weg zu sprechen.

„Berg über Kopf ist weniger meine Firma sondern vielmehr mein Leben“, sagt der gebürtige Marburger. „Meine Biographie baut aufeinander auf und ergibt am Ende Berg über Kopf“. Angefangen hat alles vor zwölf Jahren. Nach dem Abitur in seiner Geburtsstadt geht es für Tim Herwig zum Militär, zu den Hochgebirgsjägern. „Ich war superfit. Gut im Klettern, Skifahren, in der Bergrettung, Hochgebirgskampf, wir haben für internationale Wettkämpfe trainiert“, erzählt der heute 31-Jährige. „Ich war auf dem körperlich höchsten Niveau das ich je hatte“ erinnert er sich an die Zeit bei der Bundeswehr. „Dann bin ich schwer verunglückt. Lag im Koma. Saß im Rollstuhl. Gehirnblutungen. Knochenbrüche. Bänderrisse. Innere Verletzungen; Ich bin einmal so richtig kaputtgegangen“. Monatelang habe er kämpfen müssen, hatte unzählige Operationen und anschließende Rehabilitation. Wie er diese Zeit überstanden hat? Er überlegt. „Naja das wichtigste ist: Ich hab`s gemacht. Ich habe es angenommen, rückblickend. Körperlich das zu verarbeiten, das ging noch relativ schnell. Ein halbes Jahr bis ich wieder joggen konnte, drei Jahre bis ich wieder Skifahren konnte, fünf Jahre bis ich wieder auf hohem Niveau Bergsteigen konnte“. Der Kopf habe länger gebraucht. Gehirnfunktionen, auf die man im Alltag wie selbstverständlich zurückgreift, waren nicht mehr voll da. Konzentrationsfähigkeit, Aufmerksamkeit. „Es ist dieses Denken: „Klar mach ich Abi, es macht doch jeder Abi““ sagt er, bezogen auf kognitive Fähigkeiten, die man als gesunder Mensch für selbstverständlich hält. „So ist das eben nicht!“. Wenn man das Geschehene schließlich körperlich und kognitiv verarbeitet habe, dann komme die Seele. „Die braucht am längsten“, gibt Tim Herwig Einblick in sein Innenleben zu dieser Zeit. „Die Schulzeit zuvor, das war `ne nette Zeit, wir haben Spaß gehabt, Freunde, man macht was mit Mädels. Was danach kam war eine harte Schule“ blickt er zurück. „Das bringt einen schon nah an den Tod, diese Erfahrung. Mein Leben ist ab dem Zeitpunkt eine Entscheidung geworden: Ich nehme nichts mehr so nebenbei mit, sondern mache das was ich möchte mit voller Überzeugung“. Tim Herwig hat sich in dieser Zeit dem Buddhismus zugewandt, er hat viele Bücher gelesen. „Dort wird der Tod viel mehr als natürlicher Teil des Lebens gesehen als in unserer Kultur hier.“ Er zitiert aus einem Gedicht, welches er gewissermaßen zum Motto seines nun beginnenden Lebens gemacht hat: „Man hat zwei Leben. Das zweite beginnt, wenn man merkt, dass man nur eins hat.“ Wenn Tim Herwig über Herausforderungen spricht, dann leuchten seine Augen.

Tim Herwig über die Zeit nach dem Unfall: „Ich habe mich immer wieder dagegen entschieden, aufzuhören.“

„Ich bin ja nicht blöd, ich habe schon gemerkt dass ich nicht in den Bergen bin als ich im Krankenhaus lag“ sagt Tim Herwig. Und trotzdem war es schwer zu akzeptieren, was offensichtlich war: „Es ist dieser Kontrast: An einem Tag irgendwo auf dem Gipfel zu stehen; volle Leistungsfähigkeit auf dem höchsten Niveau. Und am nächsten Tag von irgendwelchen Pflegern auf die Toilette getragen zu werden. Und erst mal nicht zu verstehen: Wie ist das jetzt passiert? Um dann zu merken, dass das passiert ist um zu bleiben. Das passiert ja nicht mehr rückgängig“ sagt er. „Ich war so tot wie man es nur sein kann um hinterher noch drüber zu lachen“. Auf seine Frage, wann er wieder Skifahren könne, antworteten die Ärzte damals: „Seien Sie froh, wenn Sie wieder laufen können“. Von allen Seiten, von Ärzten, Therapeuten, Freunden und selbst von seiner Familie wurde ihm immer wieder nahegelegt, doch langsam zu machen. Mit dem Extremsport aufzuhören. Ein Psychologe habe ihm auf seine Sorgen ob seiner Leistungsfähigkeit im Studium geantwortet: „Ja dann mach doch eine Ausbildung. Oder geh in eine Einrichtung.“ Sein Vater habe ihm gesagt: „Erwarte nicht zu viel von dir. Setz dir deine Ziele nicht so hoch“. Frustration sei schließlich die Differenz von gesteckten und erreichten Zielen. „Und ich wollte das immer nicht hören!“ Im Nachhinein betrachtet hat ihm diese Einstellung geholfen. „Natürlich kann ich heute nicht mehr so viel machen wie damals, als 20-Jähriger, vor dem Unfall. Ich bin nicht mehr auf dem körperlichen Niveau. Aber viel geht ja noch“, sagt er. Sein Erfolgsrezept: „Ich hab` mir immer wieder Ziele gesetzt. Und zwar sehr hohe. Und mich damit vermutlich aus dem Rollstuhl gearbeitet. Und zurück in die Uni, ins Leben. Ich hab` mich immer wieder dagegen entschieden, aufzuhören“.

„So ein Unfall ist vielleicht die ideale Gründerschule.“

Nach seinem Unfall fing Tim Herwig an, in Kanada zu studieren, landete dort jedoch sehr schnell wieder in einer Klinik. Die Folgen des Unfalls waren nicht überstanden. „In Nordamerika ist man viel weiter, was Neuro- Rehabilitation angeht. Das liegt an den vielen Gehirnverletzungen durch Hockey und Football. Deshalb war das genau der richtige Ort dafür“ sagt er. Es folgte eine weitere Reha-Maßnahme in Deutschland. „Zuvor war ich nicht zugänglich dafür. Ich konnte zumindest wieder laufen, das hat mir erst mal gereicht. Und ich dachte mir: Ich will nicht mehr krank sein! Aber leider kann man vor seinem eigenen Kopf nicht weglaufen“ erzählt er von seinem Umgang mit sich selbst nach dem Unfall. Anschließend studierte er 2011 in Budapest ein Jahr Medizin. „Ich dachte mir: So oft wie du jetzt operiert wurdest bist du ja schon fast ein Arzt“, sagt er scherzhaft. „Der Schein trügt leider ein bisschen“. Er lacht. Ob ihm rückblickend eine Ausbildung gut getan hätte, wie von vielen Therapeuten empfohlen? „Ich glaube ich wäre sitzengeblieben. Also metaphorisch. Im Rollstuhl. Ich hätte weit weniger zurück von dem, was ich jetzt habe: An Fähigkeiten, an Belastbarkeit“. Immer wieder betont Tim Herwig, dass ihn dieses Ereignis weitergebracht habe, auch wenn das abgedroschen klinge. „So ein Unfall ist vielleicht die ideale Gründerschule: Eine verrückte Erfahrung, die ich jedem gönnen würde und niemandem wünschen. Wenn ich jetzt Dinge tun will, dann will ich sie richtig. Dafür muss ich dann auch Gas geben.“ Und genau das tut er seitdem mit seiner Leidenschaft, die heute Berg über Kopf heißt.

“Wenn man sich etwas so erkämpfen muss, dann wird man zum Kapitän seines eigenen Lebens und ist nicht mehr Passagier.”

Der Grundstein dafür wurde gewissermaßen in der Kindheit gelegt, erzählt Tim Herwig. Sein Vater war Sportlehrer an der Blista, einer Schule für Menschen mit Seheinschränkungen und Blindheit in Marburg. Tim Herwig wurde schon früh mitgenommen zu Lehrgängen, kam mit dem Thema Sonderpädagogik in Berührung, war beim Skifahren, Windsurfen oder Wandern mit blinden Menschen dabei. „Ich bin mit Inklusion aufgewachsen, lange bevor ich das Wort kannte. Da gab es nette Leute, da gab es doofe Leute, und ob die sehen konnten war nicht so wichtig. Ich habe früh gelernt: Du kannst auch eine Behinderung haben und blöd sein. Und ich habe gute Freunde gehabt in der Jugend, die blind waren.“ Schon als Schüler war Tim Herwig Skilehrer. „Ich habe die Winter meiner Kindheit in den Bergen verbracht so gut es ging.“

Nach seinem Medizinstudiums-Exkurs in Budapest zog Tim Herwig weiter nach Heidelberg, um im Bachelor International Bussiness zu studieren. „Auch dort habe ich die Erfahrung gemacht: Es ist zwar zäh, aber es geht!“ erzählt er. „Wenn man sich etwas so erkämpfen muss, dann wird man zum Kapitän seines eigenen Lebens und ist nicht mehr Passagier. Man gibt sich nicht so leicht der Opferrolle hin, weil: Warum?“ fragt Tim Herwig rhetorisch. In dieser Zeit wollte er in die Arbeit als Skilehrer zurückkehren. „Gleichzeitig war mir aber klar: Wenn ich so fahre wie vorher, dann ist das keine gute Idee“. Gemeinsam mit unterschiedlichen Wissenschaftlern erarbeitet er ein pädagogisches Ski-Konzept. Thema: Wie funktioniert Skifahren mit Knie-Implantat, Hüftprothese oder beispielsweise Parkinson und anderen Erkrankungen? Wie kann man Ski fahren unter Berücksichtigung der Belastungsparameter und Sturzgefahren? Einige Jahre lang unterrichtet er auf Grundlage dieses Konzepts in Lehrgängen und bringt vielen Menschen so die Freude am Skisport zurück. Immer dabei: Sein Vater. „Mein Vater war Sportlehrer durch und durch. Ich habe viel gelernt von ihm wie man unter erschwerten Bedingungen lehrt“ erzählt Tim Herwig. Das Konzept war einer der Vorläufer zum heutigen Berg über Kopf.

“Wir kannten beide den Tod von der anderen Seite.”

„Wir haben das aus der Perspektive des Lernenden gemacht und nicht des Lehrplans. Es steht immer im Mittelpunkt was der Mensch, der vor einem steht, braucht; Um mehr Freude zu haben, sicherer Skifahren zu können“, verdeutlicht er das Konzept, das schließlich einem Marburger Verein angegliedert wurde und bis heute besteht. Als vor rund fünf Jahren sein Vater starb, wurde das Projekt nicht mehr so intensiv verfolgt. Es liegt jedoch jederzeit startklar in der Schublade, betont Tim Herwig. Bis heute treibt ihn die Frage der Vermarktung des Konzepts um. Das Problem: „Unsere Kunden spiegeln uns immer wieder zurück, dass sie bereit gewesen wären viel mehr für das zu zahlen, was sie erlebt haben, wenn sie im Voraus hätten einschätzen können wie wertvoll das wird. Dieses Erlebnis gemeinsam mit Menschen mit Behinderung hat einen Wert, der nicht zu bemessen ist. Wenn jemand das nicht erkennt werde ich manchmal auch ärgerlich und denke mir im Stillen: Dann kauf dir halt einen Fernseher“. Er lacht.

In Heidelberg lernt er gewissermaßen seinen ersten Kunden von Berg über Kopf kennen: Ein Kommilitone, der einige Monate nach einem Motorradunfall im Rollstuhl an die Uni zurückkehrte. Tim Herwig hilft ihm, im Alltag zurechtzukommen, Behördengänge zu erledigen oder einfach mal etwas zu unternehmen. Durch die gemeinsamen Erfahrungen sei man immer besser ins Gespräch gekommen. Habe viele Sinngespräche geführt. Der Kommilitone ist amerikanischer Soldat, traumatisiert durch viele Kriegserlebnisse, Alkoholiker. „Wir hatten eine gemeinsame Ebene als Soldaten. Und wir kannten beide den Tod von der anderen Seite“ sagt Tim Herwig. Leider habe man sich mittlerweile aus den Augen verloren.

Foto: Tim Herwig in einer Beratungssituation.

„Ich will dass die Menschen die Erfahrung machen: “Ich kann das selbst!””

Im Rahmen eines Seminars an der Universität hatte Tim Herwig das Konzept „Coach Mountain“ entwickelt, rückblickend ein weiteres Vorgänger-Projekt zu Berg über Kopf. „Die Idee war, dass nicht der Lehrer coacht, sondern der Berg lehrt den Schüler“ erzählt er von den Anfängen. „Die Menschen werden oft in Watte gepackt nach dem Motto: „Wasch mich, aber mach mich nicht nass!“, berichtet Tim Herwig von seinen Beobachtungen besonders bei Menschen mit Behinderung. Dies gehe oft auch von den Eltern von Kindern mit Behinderung aus, nicht aus böser Absicht sondern aus Fürsorge. „Was ich hierbei an den Bergen mag: Das ist so echt! Die Natur gibt dir ehrliches Feedback. Der Stein geht ja nicht von selbst aus dem Weg. Und der blinde stolpert auch über den Stein“ verdeutlicht Tim Herwig, was ihn an der Arbeit in den Bergen so reizt. Teilhabe für Menschen mit Behinderung gehe oft mit Bevormundung einher, mit übertriebener Fürsorge. Das stört ihn. Was er dagegen mit seiner Art zu coachen in den Bergen erreichen möchte? „Ich will, dass die Menschen die Erfahrung machen: „Ich kann das selbst!” Ich will da niemanden hoch tragen. Wenn wir gemeinsam ins Gebirge gehen und etwas erreichen was nie vorstellbar war – das ist was Besonderes! Ich möchte dass die Menschen ihre Möglichkeiten kennenlernen und ihren Horizont erweitern“.

Tim Herwig„Excel-Tabellen bauen und Anzug tragen – das war mäßig spannend.”

Im Jahr 2015 hat Tim Herwig angefangen nebenberuflich als Systemischer Coach zu arbeiten. Hier berät er Menschen mit und ohne Behinderung in unterschiedlichen Lebenslagen, begleitet sie als Coach. Die Ausbildung dazu hat er während seiner Arbeit in einer Personalberatung absolviert und anschließend in einem berufsbegleitenden Masterstudiengang „Coaching und Supervision“ vertieft. „Die Arbeit als Personaler – Excel-Tabellen bauen und Anzug tragen – das war mäßig spannend“, erinnert sich Tim Herwig zurück. „Und das ist so unecht“, verdeutlicht er. Die Fähigkeit, Menschen und Gruppen zu coachen hingegen fließt bis heute in seine Arbeit ein. Das Angebot: Unternehmen und Einrichtungen für Menschen mit Behinderung gehen gemeinsam auf Expedition. „Wandertage kennt jeder. Um sich jedoch weiterzuentwickeln muss man Dinge tun, die neu sind. Mit einem Menschen mit Behinderung gemeinsam in die Berge zu gehen, das hat eine ganz andere Dimension“ verdeutlicht Tim Herwig sein Konzept zur Organisationsentwicklung.

„Was ich sehr mag: Mit einer kleinen Gruppe in den Bergen zu sein, in diesem reizfreien Raum, und es gibt nur Berge und den Schnee, und der Schnee schluckt alle Geräusche. Da merkt man: Hier gehöre ich als Mensch nicht hin! Zumindest nicht dauerhaft. Und nur wenn ich mich anständig benehme! Und das heißt auch, die Lawinen nicht zu reizen. Denn die kommen! Wenn man sich dumm genug anstellt findet man die, und jedes Jahr sterben Menschen daran“, erzählt der ausgebildete Skiführer von seinen Erfahrungen. Dabei kommt es bei Touren auf bis zu 4000 Metern auch durchaus mal zu brenzligen Situationen: Menschen verzweifeln, es kommt zu extrem belastenden Dynamiken in der Gruppe. So geschehen auf einer Tour: ein Gruppenmitglied signalisiert, dass es nicht mehr weiter kann. Und dass es auch sitzen bleiben würde, wenn alle anderen weiter gingen. Was also tun? Zum Umkehren ist es zu spät. Die Bergrettung kann wegen Nebel und Sturm nicht anrücken. Es schneit weiter. Warten ist keine Option. „Das ist der Unterschied zwischen Bergsteiger und Bergführer: Das eine ist Spaß, das andere Verantwortung; Das verschiebt die Aufmerksamkeit auf die Gruppe. Du musst Entscheidungen treffen. Das macht es zu einem so faszinierenden Lernraum. Weil es so echt ist, so real“ verdeutlicht Tim Herwig die Dynamiken in einer Gruppe. Schließlich, mit viel Überredungskunst, ging die Gruppe weiter. Mit allen Mitgliedern. Eine echte Alternative gab es nicht.

“Vertrauen ist die Währung, bei der ich die Sorge habe, dass wir sie gerade verspielen.”

Sein Startup Berg über Kopf gründete Tim Herwig schließlich im Jahr 2018. Er kombiniert seine Erfahrungen im Sport mit Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen und seine Erfahrungen als Coach. „Auf einer inhaltlichen Ebene führe ich die Arbeit meines Vaters fort. Ich glaube er wäre super stolz“ sagt Tim Herwig. Er möchte, dass seine Kunden etwas Echtes mitnehmen aus den Erfahrungen und Beratungen. „So ein „Bitte coach mich, aber veränder mich nicht“ gibt es bei mir nicht“, verdeutlicht er immer wieder. Er möchte Menschen aus ihrer Komfortzone locken und ihnen neue Perspektiven aufzeigen. Sein Credo: „Man wird nur weiterkommen, wenn man Dinge tut die man noch nie getan hat“. So entstehe persönliches Wachstum: Durch neue Erfahrungen, neue Fehler. „Eine Expedition ist kein Freizeitpark: Dort geht ja nichts schief. Auf einer Expedition hingegen schon. Und dann ist es spannend, was mit der Gruppe passiert“.

Die größte Herausforderung, die Tim Herwig als Sozialunternehmer bisher meistern musste und immer noch immer muss ist die momentane Pandemie: Er kann keine Expeditionen anbieten, keine Seminare mit Einrichtungen für Menschen mit Behinderung zusammen mit Unternehmen. Das geht schließlich nur mit persönlichem Kontakt. „Ich bin der Meinung: Neben Essen, Trinken und Schlafen ist Kontakt das Wichtigste für uns Menschen. Ich hätte nie gedacht dass sich so viele Menschen gegen Kontakt entscheiden können.“ Damit will er keinesfalls die Kontaktbeschränkungen kritisieren oder infrage stellen, das betont er: „Die sind absolut notwendig! Aber wir dürfen nicht den Blick darauf vergessen, was der Preis dafür ist: Nicht nur ökonomisch, sondern besonders sozial. Und damit auch gesundheitlich.“ . „Der Mensch ist so erfolgreich weil er flexibel kommunizieren und vertrauen kann. Wie wichtig Vertrauen ist, das habe ich nicht zuletzt beim Militär gelernt. In Extremsituationen“ sagt er. „Vertrauen ist die Währung, bei der ich die Sorge habe, dass wir sie gerade verspielen“. Zwar ist es momentan möglich, raus zu gehen zum Bergsteigen oder Kanu fahren, mit Abstand; „und Menschen mit Behinderung sind ja nicht weg, nur wegen Corona“. Aber: Unterschiedliche Einrichtungen und Unternehmen zusammenzubringen, das ist aktuell schwer umsetzbar.

„Es sind diese Dinge, die man nicht lassen kann.“

Der Kontakt zu Menschen, die gemeinsamen Expeditionen, all das fehlt Tim Herwig, das merkt man Tim Herwig an: Die Freude von zufriedenen Expeditionsteilnehmern, die über sich hinausgewachsen sind, sie ist für ihn genauso Anerkennung, wie er sich natürlich wünscht, für seine Expertise entlohnt zu werden. „Die Erfahrung die ich gemacht habe mit meiner Biographie, die macht niemand freiwillig, um im Nachhinein zu wissen wie es geht“, verweist er nochmals auf seinen Unfall und die Folgen. „Aber das ist es, was das Angebot von Berg über Kopf einzigartig macht.“

Ob er es schafft, dass ihn Menschen dafür bezahlen, das hängt am Ende von vielen Faktoren ab. „Aber ich glaube, ich werde es immer in irgendeiner Form weiter machen.“ Auch wenn seine Familie ihm ab und zu rät, doch langsamer zu machen, sein eigenes Leben nicht zu riskieren, um anderen Menschen aus einer Gletscherspalte zu helfen. Tim Herwig kämpft sich weiter durch. „Es dauert vielleicht noch ein, zwei Jahre. Aber die letzten fünf Jahre waren so wertvoll, das möchte ich nicht missen.Ich mache das aus einer tiefen Überzeugung heraus, dass ich damit Menschen etwas gutes tue. Es sind diese Dinge, die man nicht lassen kann. Ich arbeite nicht auf einen Exit hin. Und mir selbst schaffe ich so ehrlich gesagt die schönsten Tage meines Lebens.“

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